Briefe aus dem siebten Himmel

Die siebte Dimension ist das Jenseits der früh und gewaltsam umgekommenen Kinder. Diese Kinder senden Botschaften aus ihrem "Siebten Himmel". Wie viele andere Himmel, Räume und Zeiten, Dimensionen hält das Universum noch bereit?

Die Briefe aus einem nicht greifbaren Jenseits müssen von maßloser Enttäuschung über das irdische Leben berichten. Kinder fragen nach dem Warum – woher stammt die Grausamkeit, die sie während ihres kurzen Daseins auf der Erde erfahren mussten? Ist dieses Leben vernichtende Böse unweigerlich der irdischen Welt innewohnend, oder lässt vielmehr unsere mangelnde Verantwortung Kinder solche Schicksale erleiden, wie sie in den Briefen beschrieben werden? Sind letztlich wir Leser der Botschaft selbst die Kinder? Die nicht enden wollenden Fragen an die Erwachsenen geraten zu Vorwürfen, werden Klage und berechtigte Anklage.

Doch nicht zuletzt führen die Fragen zu einer tief greifenden Suche nach Trost in der universellen Existenz.

Imre Töröks Text ist ein Manifest für ein Menschenrecht, das die Perspektive und die Seele von Kindern widerspiegelt. Ein Plädoyer für eine neue Weltsicht, die tiefgründiger als bisher erkennen lässt: Ein Aufwachsen aller Kinder in Würde wird die Neugestaltung unserer Zukunft erst ermöglichen. Ein Manifest gegen die Zerstörung, die wir derzeit auf diesem Planeten anrichten, der doch die Heimat ist, in der wir und unsere Kinder leben wollen.

Kurze Passagen aus den Briefen

In dieser Zeit, heißt es, wüsste man auf der Erde mehr als irgendwann in der Menschheitsgeschichte, und der Fortschritt sei größer und erhabener denn jemals zuvor. Wessen Fortschritt meint ihr damit, ihr grauenhaften Erzeuger? Denn nach wie vor, wie zu allen Zeiten, wie in finstersten Zeitaltern, kommen Kinder hier im siebten Himmel an, Massen von Kindern, die an Hunger, an Durst, an Durchfall gestorben sind. Während in anderen Teilen eurer Welt, ihr Erzeuger, Übersättigung herrscht. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren.
Jeder Tag ein Massenmord an Kindern.
Ihr kennt die Bilder, kennt diese irdischen Erscheinungen. Ihr seht doch die Bilder, könnt sie jeden Abend flimmernd über euch ergehen lassen.
Schaut hin, wie sie apathisch im Dreck, im Staub verrecken, ein Klumpen verdorrtes Elend, das Menschenkind.

***

Und dort bei euch, auch dort kauert die Demut am traurigen Fluss aus der Weite. Sie betrachtet die langgestreckte Landschaft, lauscht ihrer Melodie und sonnt sich im gebrochenen Licht. Sternenstaub auf den Blättern. Leuchten der Künftigkeit erwächst aus der Melancholie.
Der behäbige Fluss ergießt sich aus der Ferne in die breite Nähe. Um sich in der Ferne wieder zu verjüngen. Türkisflimmer aus Blätterwerk der Baumkrone fällt auf das Gesicht der Demut.
Und sie weiß lächelnd um jeden einzelnen, trübgrauen Strudel unter der Brücke. Sie ermisst das mattwarme Gelb an den großen Steinquadern der alten Brückenbögen. Farbgeflatter, das träge Fließen und Lichtquanten und Quantensprünglein fängt sie lachend ein, die Demut.

***

Uns Kindern der siebten Dimension bleibt unser Alter, es bleiben die Erinnerungen.
Junges Alter, grauenhafte Erinnerungen.
Auch das Brausen, Dröhnen, Scheppern, Explodieren, das damals meinem irdischen Leben ein Ende setzte. Unauslöschbare Erinnerung. Eine kleine Hand, die vergebens versuchte, die Augen zuzuhalten. Nach dem berstenden Knall liegt sie irgendwo, noch lange danach.
Warum erfinden in dieser Zeit diese Erwachsenen diese Bauten, Wege und Maschinen?
Diese rasenden. Diese unbeherrschbaren. Diese kaputten.
Warum lasst ihr blindlings und egomanisch und rachgierig oder hirnlos oder verblödet oder kalt berechnend und so weiter und immer so weiter die Tötungsmechanismen frei herumwüten? Warum bringt ihr Tötungsmaschinen auf den Weg und lasst sie auf jene los, die erst wenige Male die Blätter sprießen und fallen sahen?
An das sich aufrollende Grün möchte ich mich erinnern, an den Duft der frühlingswarmen Erde, an die gelbe Sumpfdotterblume, die am Wiesenbach wächst. Und nicht an die blutig abgerissene Hand am Bachufer im Gras.
Manchmal glauben wir, dass nicht einmal ein All-Mächtiger auf unsere Fragen Antwort fände.

Woher beansprucht ihr das Recht, jene zu vernichten, die nie im Leben, einem kurzen Leben, die Chance hatten, ihre Hand gegen die Gefahr zu erheben?
Sagt mir, warum seid ihr Kindesmörder?

***

Und wenn es Nacht geworden sein wird über der Landschaft, dort, wo der Trost der Demut die Hoffnung ist, auch dann in pechschwarzer Nacht bleiben die weiten, alles umspannenden Bögen der Brücke.
Dort hinüber laufen, in kleinen Tippelschritten, wird vielleicht einmal ein Kind, das noch nicht geboren wurde. Noch lange nicht.
Die Demut befühlt ihren trächtigen Leib. Sie lächelt hoffnungsvoll, die Demut, siegesgewiss.
Und wenn es kommt, das Kind, dieses immer neu geborene Neugeborene, wird es wachsen dürfen? Wachsen und streben zu Künftigem?
Oder gelangt es wieder und wieder geschlagen in den siebten Himmel, erschlagen von eurer Selbstherrlichkeit?

***

Wer hierher gelangt, behält doch so wenig von sich. Es bleibt das Kindsein. Es bleiben Erinnerungen und Fragen.
Was ist Schwäche, was ist Stärke?
Mit welchem Recht machen Erwachsene das irdische Leben von Kindern zur Hölle?
Mit welchem Recht habt ihr vorzeitig und gewaltsam unserem Leben ein Ende gesetzt?
Mit welchem Recht verwüstet ihr den Planeten, der eigentlich uns Kindern eine Heimat bieten solle.
Mit dem Recht des Stärkeren?
Oder offenbart sich gerade darin, in eurem egomanischen Vernichtungscharakter, eure entsetzliche Schwäche, Verblödung, Verkommenheit?

***

Vom Wert der Schöpfung, von der Einmaligkeit der Natur, erzählen Landschaften ohne Unterlass. Landschaftskultur, jede Kultur ist wie eine flüchtig dünne Humusschicht. Die Verwüstung, auch die Verwüstung der Pflänzchen eurer humanistischen Errungenschaften, die stellt eine himmelschreiende Bedrohung dar.
Dessen ungeachtet zaubert die elliptische Bahn eures blauen Planeten um die Sonne weiter fröhliche Farben ins Gesicht der Erde.
Hier schmiegen sich im Sommer betörend leuchtende Wiesen an die sanften Wölbungen der Hügel. Dort erstrahlt die Röte des Herbstes von den Waldrändern. Und auch der Schlaf der Landschaft unter der weißen Daunendecke ist voller Träume vom zart spießenden Grün, nach dem Wiedererwachen, wenn die Natur erneut ihren sanften Triumph über den vergangenen Winter im Blütenrausch feiert. Mit ihren Jahreszeiten malt die Landschaft Bilder vom nicht enden wollenden Kreislauf der Elemente und des Lebens. Sie schenkt Geborgenheit, sie gibt das Gefühl der Zugehörigkeit. Weil nicht Nationalstaaten, sondern einzig die Eingebundenheit in die Natur euch Heimat bietet.
Böte.
Eine Heimat, die nicht mehr durch willkürliche Grenzen, durch die unterschiedlichen Sprachen, durch Territorialansprüche und Nationalismen definiert und beherrscht sein dürfte.
Die universelle Sprache und Melodie der Landschaft als eine Heimstatt, mit ihren winzigen und großartigen Naturphänomenen, sie weist weit über kleinliches Werkeln, über nacktes gegenwartsgefesseltes Nützlichkeitsdenken hinaus. Die Landschaft spendet zukunftsweisende Utopien und jenen Trost, auf den Menschen und Menschenkinder mit jedem Wimpernschlag angewiesen sind.

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