Sie sind hier: Startseite » Dichter am See

Dichter am See

Dichter am See

Erzählungen Gebundene Ausgabe 1996

Gisela Linder (Herausgeber),
Martin Walser (Herausgeber),
Imre Török (Autor

Erzählungen

Gebundene Ausgabe 1996

Gisela Linder (Herausgeber),
Martin Walser (Herausgeber),
Imre Török (Autor))

Die ersten Seiten

Dichter am See

für Johanna



Der Mann kam vom See, watete durch flaches Wasser.
Pantoffeltierchen an seinen Schuhen. Und Mondglit-
zern. Wellen umspülten dicke, runde Ufersteine. Vor-
sichtig balancierte er.
„Ich sprüh´s an jede Waa-and... . .." Eine Brise
umschlang Melodie und Worte, die aus der Musikbox
von einer Sommerterrasse herübertönten, trug sie fort.
Ferne Wolkentürme schoben sich langsam aus unruhi-
gen Wipfeln an den Julimond heran. Rot-orange blink-
ten Lichter der Sturmwarnung vom kaum mehr sicht-
baren gegenüberliegenden Uferstreifen.
Er setzte sich ins Gras, zog die Beine an, umklammerte
sie, hörte dem Wind in den Pappeln zu, dem Sirren des
Schilfs, ließ sich in verflossene Zeit zurückgleiten,
schloß die Augen.
Als ob alles Leben nur Lüge wäre. Bezaubernde Lügen-
mär. In welches Schloß paßt die Schlüsselblume?
In Sichtweite des Sees gehen sie langsamen Schrittes.
Wanderer. Schauen auf die spiegelglatte Wasserfläche
des Morgens, die schräge Strahlen streut. So gehen sie
in den Tag, der hoch oben lodert. Enten schwimmen,
tauchen. Taten es schon, als noch keine Burg und
keine Kapelle stand. Geschnatter war hier vor durch-
dachten Lauten heimisch, ging Kriegsgeschrei und
Opfergesang voraus.
An plantschende, schnatternde Enten denken sie
manchmal, die Wanderer am See, und ihre Schritte
werden leichter. Fast vergessen sind dann die tiefen,
mannhaften, auch die kreischenden, flehenden Stim-
men aus den altehrwürdigen Bauten auf den An-
höhen. Und sie laufen stumm, ergriffen zum stillen
Wasser hinunter, das aus grüngraublauen Ebenen
ständig neue Farben gebiert.
Gebiert auch den Fisch, die Ente, den trinkenden Vier-
beiner; gebar Buddha und Jesus. Aber das ist lange her.
Gebar auch Eiweiß, Nukleinsäure. Und das ist noch viel
länger her.
Die Wanderer und mit ihnen die Gedanken sind in den
Tag hinein gelaufen und weiter. Dort bei den Bäumen
verbirgt sich ein Dichterhaus, dort im Schreibzimmer
wird Unfaßbares mit Worten erfaßt. Die Farben des
Abends, die von bewaldeten Hügelkuppen, von ent-
fernteren Silhouetten auf den See fallen, tröpfeln aufs
Papier. Buchstabe für Buchstabe. Das Schilf der ersten
Winde in der Dämmerung summt ein Lied, das erinnert
an E-li-sa - li -sa - li-sa - - . Leise, allstreichelnd
verstreicht Zeit. Zu schnell?
Der Mann in den nassen Turnschuhen schaute hoch.
Schon preßten erste Böen die Schilfhalme büschelweis
nieder, tunkten sie in den aufgebrachten See. Der Juli-
mond rang nach Atem. Und unbändig brachte Düster-
nis alles Leben unter ihre Gewalt, goß Pech auf Wasser,
Wellenkamm, Bergeshöh', alle Kreatur, ließ Geäst,
Stämme, Gestein aufstöhnen. Kaum noch wahrnehm-
bar zuckten vereinzelt Warnlichter aus dunklem Auf-
gewühltsein. Wie Lichter eines Rettungswagens auf
nächtlicher Serpentinenfahrt, wie unruhiges Blinken
aus der Apparatur auf der Intensivstation, dachte der
Mann.
Dann löste sich ein Funke dicht neben der Stelle, wo
vorher noch Mond war, zerstäubte, und tausend Ver-
ästelungen flossen vom Himmel herab, ließen Burgzin-
nen auf der Anhöhe kurz erstrahlen, ließen ein
Geschmetter über das Wasser ziehen, das sich donnernd
und grollend vom See in Mulden verkroch, von
Hängen murrend zurückgestoßen. Alles Leben duckte
sich vor dem nächsten Schlag.
Der Mann am See zitterte, fror. Ob so Erlöser, Erleuchtete
ihr Kommen ankündigen?
Da hat einmal einer gesprochen von der Nacht, von der
Fremdlingin unter den Menschen, die voll mit Sternen
und wohl wenig bekümmert um uns traurig und
prächtig heraufglänzt. Die Schwärmerische, die Erstaunende
dort.
Und da hat einmal einer gesprochen vom offenen
Meer, daß dorther kommt und zurück deutet der kommende
Gott, der Fackelschwinger. Und da hat einmal
einer gesprochen, nur zu Zeiten ertrüge göttliche Fülle
der Mensch.
Ein anderer hat das Schattenbild unserer Erde, den
Mond, als Gleichnis gebraucht. Er sprach vom Spiegelbild
des Mondes, das unter den richtigen Bedingungen
auf ruhigen Seen und Meeren der Erde glänzt,
während der Mond selbst auf seiner Bahn am Himmel
verbleibt. So könne ein Erleuchteter im gleichen
Augenblick in verschiedenen Körpern sich offenbaren.
Jetzt jedoch tobte Sturm, toste entfesselte Gewalt. Der
Mensch am Ufer bis auf die Knochen naß, Trost
suchend in vergangenen Bildern, untergetaucht wie
Enten. Bilder, gespeichert in Eiweißverbindungen.
Manche in noch größeren Tiefen verwahrt. In Nukleinsäure-Codes.
Ließ sich gleiten, schloß die Augen.

  • Dichter am See

    Dichter am See Erzählungen Gebundene Ausgabe 1996 Gisela Linder (Herausgeber), Martin Walser (Herausgeber), Imre Török (Autor

    12,00 EUR (incl. MwSt zzgl. Versandkosten)

mehr auf Kulturworld
mehr auf Kulturworld

Wir nutzen Cookies auf unserer Website um diese laufend für Sie zu verbessern. Mehr erfahren