Der Vorhang fiel

Der Vorhang fiel
Der Vorhang fiel

Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen

Die Künstlerin Gerti Michaelis Rahr, geboren 1921, ist die Mutter des Schriftstellers Imre Török. Auf seine Anregung hin hat sie als Zeitzeugin die "Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen" aufgeschrieben.
Ihr Leben ist zugleich ein historischer Rückblick auf das NS-Reich, in ein sowjetisches Gefangenenlager und auf das Überleben in der stalinistischen Diktatur in Ungarn nach 1945.

Die erfolgreiche künstlerische Karriere von Gerti Michaelis Rahr beginnt Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Mit Leidenschaft übt sie ihren tänzerischen und gesanglichen Beruf aus, schon als 19-Jährige ist sie eine gefeierte Tänzerin auf der Bühne des Nationaltheaters Weimar. In der Hitler-Diktatur kreuzen und begleiten ungewöhnliche Wege ihr Leben:
Begegnungen im KZ Buchenwald bei Weimar, Einsatz in einer Munitionsfabrik, grauenvolle Tage in Dresden und Berlin in den letzten Kriegswochen. Ein ungarischer Diplomat versucht mit seiner Liebe zu der jungen Künstlerin Gerti Michaelis, sie vor unheilvollen Geschehnissen und Widerwärtigkeiten in den Kriegswirren zu bewahren. Die Verschleppung in sowjetische Gefangenschaft 1945 und der anschließende Zwangsaufenthalt hinter dem Eisernen Vorhang in dem ihr fremden Ungarn beenden für sehr viele Jahre ihre Freiheit. Sie wird in Ungarn sogar des Landesverrats verdächtigt. Ihr starker Lebenswille und ihr Mut lassen sie dennoch drei Diktaturen überleben. Sie wird in Ungarn zu einer landesweit bekannten und beachteten Ballettmeisterin. Heute lebt Gerti Michaelis Rahr in Leutkirch im Allgäu. Ihr Buch ist letztlich ein versöhnlicher Rückblick ohne Groll im Herzen. Die dunklen Seiten der Vergangenheit, aber auch glückliche Erinnerungen, ihre tiefe Liebe zur verlorenen Heimat und schließlich lange Jahre anhaltender Sehnsucht nach Freiheit finden immer wieder Ausdruck in einer spannenden Lebensgeschichte auf dem verhängnisvollen geschichtlichen Hintergrund des 20. Jahrhunderts.



Gerti Michaelis Rahr und Imre Török haben in den letzten Jahren etliche gemeinsame Lesungen gemacht. Die Schauspielerin hat 95jährig ihre bislang letzte Lesung aus ihrem Buch 2017 durchgeführt und erntete Bewunderung.

Mutter und Sohn Lesung 2006 gemeinsame Lesung - Imre Török und seine Mutter Gerti Michaelis Rahr

Leseprobe:

Es kam auch mal in Guben vor, daß wir Alarm bekamen, denn die Front rückte der deutschen Grenze stetig näher. Bei Luftalarm wurde die Vorstellung unterbrochen, die Zuschauer in den separaten Luftschutzkeller beordert. Nach der amtlichen Verordnung, streng bürokratisch geregelt, fiel nach einer halben Stunde Alarmzeit die Vorstellung aus. Das Publikum jedoch stand, auch nach mehr als dreißig minütigem Alarm zurückgekehrt, applaudierend im Zuschauerraum, bis der Intendant die Anordnung an uns erließ: "Weitermachen!" Wir sangen und tanzten noch bis gegen ein Uhr nachts. Denn welche freudigen Ereignisse boten sich den Menschen noch überhaupt? In der Lebensmittelversorgung nahm man laufend Einschränkungen auf sich, ebenso bei den Kleiderkarten und der Schuhzuteilung. Auch fast alle sonstigen irgendwie unterhaltsamen Veranstaltungen wurden infolge der Entwicklung des Kriegsgeschehens eingestellt. Geld hatten wir alle, aber zu kaufen gab es kaum etwas. Man fragte sich, welche unverbesserlichen Nazis bei der Rede des Reichspropagandaministers Josef Goebbels und auf seine beschwörende Frage, „Wollt ihr den totalen Krieg?“, mit Ja schrien. Die Auswirkungen des totalen Krieges sollten uns bald ereilen.

Zum Ensemble des Theaters gehörte eine ungarische Künstlerin, die mich überraschend zu einem gemütlichen Beisammensein in ihre Wohnung einlud. Da ich zu der Zeit jeden Abend auf dem Spielplan stand, konnte ich eine Zusage erst für den Zeitpunkt nach der Vorstellung geben. Unglücklicherweise erkrankte an diesem Tag eine der Hauptdarstellerinnen, und man bat mich, statt meiner Rolle ihre Gesangspartie der Fiametta zu übernehmen. Nach eindringlicher Bitte des Intendanten, den "Boccaccio" nicht platzen zu lassen, erklärte ich mich schließlich bereit, die neue Rolle in fünf Stunden zu lernen, während mein bisheriger Part von einer Sängerin aus dem Chor übernommen wurde. Die Partie der Fiametta beherrschte ich zwar gesanglich, den Prosateil jedoch nicht. Es wurde schon zu einer Herausforderung, den neuen Text zu sprechen und "meinen" Text in der Operette plötzlich von einer anderen Darstellerin zu hören, oder Auftritte und Positionen nicht zu verwechseln. Die Vorstellung konnte ich aber retten und kam anschließend auch noch der Einladung nach. Ungarin stellte mir einen Andreas Török von Szendrö aus Ungarn vor, den sie aus der ungarischen Gesandtschaft kannte. Er begrüßte mich mit liebenswürdiger Höflichkeit. Als sich unsere Blicke trafen, lag in seinen blauen Augen ein gütiger Ausdruck. Eine Seltenheit in unserer verkrampften Gesellschaft. Der Blickkontakt währte einen Augenblick, und mein Herz begann plötzlich zu klopfen, als müsse man es hören. Schnell wandte ich mich den sich unterhaltenden Gästen zu. Der ungarische Adlige stand in gediegenem Anzug an einen Bücherschrank gelehnt, von wo aus unübersehbar und unausweichlich seine Blicke auf mir ruhten. Er mochte Mitte dreißig sein und von sportlicher Statur. Mit den Worten, „Wie reizend haben Sie die Rolle in ‘Wiener Blut’ gespielt, so fröhlich und lebendig“, wandte er sich mir zu.
"Danke", sagte ich, „die Rolle liebe ich besonders. Aber wenn Sie aus Ungarn kommen, dann sollten Sie sich auch meine ‘Julischka aus Budapest’ aus der Operette ‘Maske in Blau’ anschauen“, sprudelte es spitzbübisch aus mir heraus. "Mit großem Vergnügen", erwiderte er schmunzelnd, mit einem durchdringenden Blick in meine Augen, der mich erneut verlegen machte.

Die Gastgeberin kredenzte ungarischen Wein, der nach kurzer Zeit seine Wirkung bei mir auslöste. Die vorausgegangene geistige Anstrengung des Tages und des Abends ließ mich im Sessel sitzend einschlafen. Die fröhliche Unterhaltung der Gesellschaft unterbrach meine Schlafpause, und mit einer Entschuldigung bat ich, mich verabschieden zu dürfen. Andreas von Szendrö bot sofort eine Heimfahrt in seinem Diplomatenwagen an und ersuchte bei der Verabschiedung um ein Wiedersehen. „Vielleicht einmal,“ antwortete ich übermüdet. Es war eine ungewöhnliche, halb verschlafene, erste Begegnung, von der ich nie geglaubt hätte, dabei meinen späteren Ehemann getroffen zu haben.

****

Im Gefängnis in Budapest angelangt, fragte ich mutig.
"Wer spricht hier deutsch?"
Man deutete an, ich solle warten. Dem deutsch sprechenden Beamten erklärte ich einiges über unsere Situation und daß ich demnach der Meinung sei, mein Mann würde hier unschuldig gefangen gehalten.
"Das behaupten alle.", war seine Antwort. "Der Mann war in Hitler-Deutschland tätig, das bedürfe einer genauen Überprüfung."
Da ich keine weiteren Auskünfte erhielt, mußte ich mich damit zufrieden geben und kehrte nach Stunden wieder zurück in die Hausmeisterwohnung. Daß man in diesem grausamen Gefängnis auch Foltermaßnahmen anwandte, wußte ich zu dem Zeitpunkt zum Glück noch nicht. Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Stunden sonst überstanden hätte.

Die Hausmeisterin hatte inzwischen einen neuen Plan. Unsere sprachliche Verständigung umfaßte zwar lediglich wenige Substantive und Infinitive, doch sie half mir rührend.
Ein Freund meines Mannes aus dem Landwirtschaftsministerium betreute während seiner Abwesenheit zeitweilig seine Wohnung. Jedenfalls bis zu deren Zwangsbesetzung. Diesen Freund kannte die Hausmeisterin. An ihn sollte ich mich wenden und ihn um Rat bitten. Mit einem Zettel, auf dem der Name des Freundes und die Adresse des Ministeriums standen, zog ich wieder in der russischen Bekleidung aus dem Lager bei Moskau wieder los. Vor mir stand ein stundenlanger Weg durch eine mir unbekannte Großstadt. Leider hatte ich den Platz auch noch mit der gleichnamigen Straße verwechselt und so einen riesigen Umweg gemacht. Meine Füße schmerzten in den knochenharten Stiefeln. Der lange schwere graue Filzmantel drückte auf die mager gewordenen Schultern. Ich hatte an dem Tag noch nichts gegessen. So pilgerte ich am frühen Nachmittag an der schwarzgrauen und nicht blauen Donau weiter, einer totalen Erschöpfung nahe.
Nein, diese Donau war wahrlich nicht blau, nur furchteinflößend. Verzweiflung überfiel mich. Ich stand am Ufer. Sah auf die im Wasser liegenden eingestürzten Donau-Brücken. Dieser Anblick verursachte in mir endgültig ein Gefühl des Verlorenseins. Ich dachte immer eindringlicher daran, das Leben aufzugeben. Es war das einzige Mal in meinem Leben, daß mich die Versuchung zu übermannen drohte.
Ich wollte sterben.
Der dicke Russenmantel würde mir beim Sprung ins Wasser keine Chance zum Schwimmen geben. Ein heftiger innerer Kampf lähmte meinen Lebenswillen... Die sich kräuselnden kleinen Wellen des dunklen Flusses erschienen mir plötzlich jedoch wie die Schaumkämme meines geliebten Meeres. Für Augenblicke war es mir, als stünde ich am Ostseestrand. Eine Stimme sagte in mir: Das darfst du nicht tun. Was würde deine Mutter sagen, wenn sie von deinem Versagen erfährt?
Nach der Überwindung des seelischen Tiefs klammerte ich mich wieder an meinen Glauben. Lieber Gott, so hilf denn du mir doch weiter.

  • Der Vorhang fiel

    Die erfolgreiche künstlerische Karriere von Gerti Michaelis Rahr beginnt Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Mit Leidenschaft übt sie ihren tänzerischen und gesanglichen Beruf aus, schon als 19-Jährige ist sie eine gefeierte Tänzerin auf der Bühne des Staatstheaters Weimar. In der Hitler-Diktatur kreuzen und begleiten ungewöhnliche Wege ihr Leben: Begegnungen im KZ Buchenwald bei Weimar, Einsatz in einer Munitionsfabrik, grauenvolle Tage in Dresden und Berlin in den letzten Kriegswochen. Ein ungarischer Diplomat versucht mit seiner Liebe zu der jungen Künstlerin Gerti Michaelis, sie vor unheilvollen Geschehnissen und Widerwärtigkeiten in den Kriegswirren zu bewahren. Die Verschleppung in sowjetische Gefangenschaft 1945 und der anschließende Zwangsaufenthalt hinter dem Eisernen Vorhang in dem ihr fremden Ungarn beenden für sehr viele Jahre ihre Freiheit. Sie wird in Ungarn sogar des Landesverrats verdächtigt. Ihr starker Lebenswille und ihr Mut lassen sie dennoch drei Diktaturen überleben. Heute lebt Gerti Michaelis Rahr in Isgazhofen bei Leutkirch im Allgäu und blickt zurück. Ihr Buch ist ein letztlich versöhnlicher Rückblick ohne Groll im Herzen. Die dunklen Seiten der Vergangenheit, aber auch glückliche Erinnerungen, ihre tiefe Liebe zur verlorenen Heimat und schließlich lange Jahre anhaltender Sehnsucht nach Freiheit finden immer wieder Ausdruck in einer spannenden Lebensgeschichte auf dem verhängnisvollen geschichtlichen Hintergrund des 20. Jahrhunderts. 197 Seiten ISBN-13 978-3-935093-33-0

    19,00 EUR (incl. MwSt zzgl. Versandkosten)

Signiert von Gerti Michaeles Rahr.

mehr auf Kulturworld
mehr auf Kulturworld

Wir nutzen Cookies auf unserer Website um diese laufend für Sie zu verbessern. Mehr erfahren