Unverhofft

Unverhofft
Unverhofft

Die zwölfjährige Waise Rika wächst nach ihrer Adoption in einer Apothekerfamilie auf, wird von ihrer Adoptivmutter streng erzogen.
Als Rika im beginnenden Erwachsenalter ihre erste große Liebe mit dem Arzt André findet, beginnt für Rika und André eine Zeit großer Leidenschaft, die sie beide aber vor unlösbare Probleme stellt.
Schließlich leben die Liebenden getrennt auf verschiedenen Kontinenten, sie erinnern sich voller Sehnsucht vergangener, glücklicher Tage.
Auf die Hoffnung, irgendwann sich wiederzufinden, gibt erst die Zeit nach langen Jahren eine Antwort.

Ist Liebe nur Ausdruck emotionaler Gefühle, einer vorübergehenden Leidenschaft? Oder ist sie fähig, einen beständigen Impuls im Leben zu geben und den Grundstein für eine innere Verbundenheit über Zeit und Raum hinweg zu legen?
Welche Art von Freundschaft ist bereit, Entsagung und Opfer auf sich zu nehmen?
Nicht allein die eigene Persönlichkeit, die aufrichtige Bereitschaft zu einem starken Willen und Glauben, sondern auch die Ausdauer in ihrer darüber hinweg rollenden Zeit zeugen von Liebe und Freundschaft.

Lektoriert hat das Buch die Schriftstellerin und Lyrikerin Daniela Danz.

Leseprobe:

Den Spätsommertag wollte Rika zu einem Verweilen auf dem Karlsplatz nutzen, den sie seit Tagen nicht aufgesucht hatte. Als sie sich dem Platz näherte, sah sie Charpin auf einer Bank sitzen. Als er Rika wahrnahm, erhob er sich und begrüßte sie sichtlich erfreut.
„Ich habe Sie seit Tagen vermißt, waren Sie verhindert oder vielleicht krank?“, fragte er fürsorglich. Rika staunte über sein Nachfragen. Schließlich hatten sie keine Vereinbarung für eine Begegnung hier am Karlsplatz getroffen.
„Nicht jeden Morgen verbringe ich kurze Zeit hier und ahnte auch nicht, daß man mich erwartet! Aber ich freue mich über unser erneutes Zusammentreffen“, sagte sie betont freundlich.
„Mich erfreut besonders ihre Gegenwart. Leider hat sie sich kürzlich in ihrem Elternhaus als zeitlich sehr begrenzt ergeben, plötzlich waren Sie nicht mehr anwesend. Darf ich Sie mit Rika ansprechen, ich heiße André.“
„Natürlich, es plaudert sich viel angenehmer, wenn man Nachnamen wegläßt. – Sie haben durch ihr Studium in Paris viele Jahre in Frankreich gelebt und wahrscheinlich auch das Land dadurch kennengelernt. Gewiß ein schönes Land, das mich seit meinem Studium der französischen Sprache interessiert. Es reizt mich einen längeren Aufenthalt dort einzuplanen, zum Beispiel in den Semesterferien“, sagte Rika.
„Selbstverständlich ist mir das Land gut bekannt. Ich bin auch den Spuren meiner Vorfahren nachgegangen und reise sehr gerne dorthin. Sind sie noch nicht in Frankreich gewesen?“, fragte André.
„Im Land selbst nicht, nur für einen Kurzurlaub in Paris mit meinen Adoptiveltern. Eine herrliche und kulturell vielfältige Stadt.“
André stutzte, ließ sich aber die Erkenntnis, daß Rika nicht die leibliche Tochter des Ehepaares Palmer war, nicht anmerken. Also deshalb keine Ähnlichkeit mit den Eltern, dachte er bei sich.

Rika schwärmte weiter von den Sehenswürdigkeiten der französischen Metropole und einer baldigen Reise in das Land. André hörte ihrem begeisterten Geplauder aufmerksam zu. Fast empfand er ihre lebhaften Ausführungen als amüsant.
„Ich besitze viel interessante Lektüre über Land und Leute, klassische Musik französischer Komponisten, auch zeitgenössischer Gesangsinterpreten. Wenn sie Lust haben, können Sie gern einmal bei mir Einschau halten, um sich zu informieren. Eine Bank auf dem Karlsplatz bietet dazu keine Möglichkeit“, sagte André scherzhaft.
„Herzlich gern“, erwiderte Rika, „wenn ich ihre Familie nicht störe.“
„Sie stören niemanden. In den Abendstunden nach der Praxis bin ich allein.“
Nachdem sie den Zeitpunkt eines Besuches vereinbart hatten, verließen beide den Platz.
Rika fragte sich: Warum ist er allein? Ein Mann, von dem sie durch Mathi nur wußte, daß er ein brillanter Unterhalter sei, dazu über ein ansprechendes Äußeres verfügte. Sie würde es bei ihrem Besuch gewiß erfahren.

André stand am Fenster, blickte in die Dämmerung, deren Dunkelheit sich auf den Karlsplatz senkte, die Bänke waren zu dieser Stunde leer. Auf einer von ihnen hatte er vor Tagen im frühen Sonnenschein mit Rika gesessen. Sie war seither nicht mehr gekommen. Nun würde sie ihn am morgigen Abend besuchen. Ein lange nicht mehr empfundenes Gefühl berührte ihn bei dem Gedanken, obwohl er wenig über sie als Mensch wußte. Aber ihr natürlicher Liebreiz hatte in ihm gefühlsmäßig Spuren hinterlassen und ein unerklärliches Verlangen nach ihrer Gegenwart geweckt. André verdrängte dieses Gefühl und wandte sich vom Fenster weg. Er durfte keine Emotionen dieser jungen Frau gegenüber in sich aufkommen lassen und würde ihr sagen, daß er zwar allein lebe, aber eine kranke Frau habe, die in Südfrankreich in einem Sanatorium ihr Dasein verbrachte. War es nicht voreilig gewesen, Rika zu einem Besuch bei sich zu animieren? Doch er wußte auch nichts über ihre Einstellung zu ihm. Vielleicht würde sich Rika nach seiner Offenbahrung, ein gebundener Mann zu sein, von ihm abwenden.

  • Unverhofft

    Unverhofft (EPIK Sammlung) ISBN: 978-3-86356-021-8, 100 Seiten, 10,50 €

    10,50 EUR (incl. MwSt zzgl. Versandkosten)

Signiert von Gerti Michaeles Rahr.

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