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Great Landscapes

Auszug aus dem umfangreichen Essay von Imre Török

Wovon Landschaften erzählen

Natur als Schauspiel

Das Licht der Sonne wandert und gleitet, streift und vibriert in tausendfachen Brechungen, tanzt unter vom Winde zerzausten Wolken, über schroffen Bergkämmen, tanzt durch den herab fallenden Schleier eines grandiosen Wasserfalls, auf gekräuselten, glänzenden Wasserflächen. Vor den beeindruckenden Kulissen, die ihm die Erde bietet, ist es vor allem der immerwährende Reigen des Lichts der zum großartigen Schauspiel wird. Denn Landschaften sind nicht nur Natur, sie entstehen auch durch Betrachtung.
Feuer, Wasser, Erde und Luft schufen und formten diese Landschaften. Von den Polen bis zum Äquator gestalten die Kräfte der vier Elemente seit Urzeiten jene mächtigen Formationen und zahllosen Miniaturen, die wir Naturwunder nennen. Pflanzen und Getier besiedelten allmählich Wasser, Erde und Luft, stetig genährt vom Sonnenlicht. Und erst ganz zuletzt kam der Mensch hinzu. Intensiver, umfassender als alle anderen Lebewesen kann er Landschaften betrachten und erfahren; tief greifend und radikal jedoch auch der Einfluss, den er nimmt.
(…)
Die Menschen kennen den Wunsch, das Schöne und Erhabene in der Natur zu betrachten und zu beschreiben. Für sie kann Umwelt mehr sein als ein Spender der für das Überleben notwendigen Gaben oder ein Szenario der Bedrohung durch übermächtige Gefahren. Nur dem Menschen kann Landschaft zur Freude und zur Erbauung dienen, der Mensch kennt das Staunen. Beginnend in den Mythologien und Schöpfungsgeschichten, dann in der schöngeistigen Literatur und in der Landschaftsmalerei, schließlich mit dem Objektiv der Kamera haben die Menschen immer wieder Antworten auf die Frage gesucht, was sie an der Betrachtung von Landschaften fasziniert. Ob es die Künste des Wortes, des gemalten Bildes oder der Fotografie und des Films sind, die sich der Landschaft zuwenden – alle sind sie geleitet vom neugierig suchenden, forschenden Auge und der lebendigen Fantasie.
Natureindrücke nehmen wir innerlich bewegt und begeistert auf, unabhängig davon, ob wir mit künstlerischen Mitteln andere an unseren Impressionen teilhaben lassen wollen, oder ob wir zur eigenen Erbauung eine Landschaft genießen. Was aber fasziniert uns Menschen an der Wildnis, an weitgehend unberührter Natur, an der von Menschenwerken unbefleckten Landschaft? Welche Magie strahlt sie aus? Die üppigen Wälder und Wiesen hier oder dort die kargen Felsformationen und ein einsamer, zerrupfter Grasbüschel im Kieselgeröll. Was berührt uns beim Anblick majestätischer Ströme und Berge? Was bewegt uns an der Weite und Einsamkeit von Wüsten oder an zivilisationsfernen Meeresgestaden?
(…)
Sonne und Wind ziehen den Dunstvorhang beiseite, geben den Blick frei auf weite Horizonte. Der Himmel reißt auf und unter brodelnden Wolken erstrahlen Gebirgsgipfel. Ihre schneeweißen Spitzen stoßen in das endlose Blau. Konturen und Kanten der Gipfelgrate tragen glänzend weiße Mäntel. Mal leicht über die Schulter geworfen, an steil herabfallenden Hängen. Mal sind bäuchige Gefälle dick mit leuchtendem Schnee bedeckt. Dazwischen die Faltenwürfe in ihrer prächtig glänzenden Ummantelung. Klaffende Schattenwelten, verschorfte Wunden, felsig tiefe Risse, an deren Grund kaum je ein Sonnenstrahl dringt. Aufgetürmt, gefaltet in Jahrmillionen erzählen die überwältigenden Gebirgspanoramen von der Ehrfurcht vor der Schöpfung. Schon immer waren sie die mehr oder minder verborgene Wohnstatt für mächtige Geister, Gottheiten und Dämonen.
Der eisige Saum der Gebirgsmäntel sind die Gletscher. Behäbig schieben sie Massen von Schnee, Eis und Geröll talwärts mit sich. An den grünblauen Gletscherzungen wird Gefrorenes wieder zu Wasser. Kalt klares Geäder. Rinnsale und Bächlein spielen gluckernd Versteck zwischen Felsgeröll, springen und spritzen vergnüglich auf, um schnell wieder in Felsspalten und eisigen Höhlengängen zu verschwinden. Sprudeln bald aus der Unterwelt wieder als Quelle ans Tageslicht, um den gerade begonnenen fließenden Weg zurück zu den Wolken fortzusetzen.
Überall wo Wasser aus dem Boden quillt, wird Landschaft lieblicher. Mit erhabenen Schweigen und dämonischem Heulen rücken die grandiosen Bergkulissen in den Hintergrund und blicken friedlich auf die Idyllen aus Klang und Farbe, welche sich um Quellen und Wasserläufen ausbreiten. Die Tage werden milder, die Winter kürzer, zum Plätschern des Wassers gesellt sich Vogelgesang. Flechten und Moose wachsen, wuchern auf steinigen, abfallenden Ebenen, zähe Gräser, Büsche, Baumzwerge und kleinwüchsige, schüchterne Bergblumen begleiten den Bach noch eine Weile talwärts.
Ermüdet vom immerwährenden Anschäumen gegen Felsbrocken und Geröll in seinem schmalen Bett legt der Bach Verschnaufpausen ein. Die Vegetation in seinem seit vielen Jahrtausenden geschliffenen und mühsam verbreiteten Tal wird üppiger, vielfältiger, farbenprächtiger. Sumpfdotterblumen leuchten zwischen sattem Grün an den Ufern auf, wachsig glänzend gelb. Busch und Baum neigen ihre Zweige über das gurgelnde Wasser, durch den Blätterschirm fällt tanzendes Licht aufs plätschernde Wasser. Ein Mosaik von Klängen und Lichtern. Blaue, rote, lila, rosa Sommerblumen säumen in vielen Schattierungen den Bachhang, die umgebenden Wiesen und Wälder. In der Nacht huschen Schatten scheuer Waldbewohner an den Wasserlauf, um ihren Durst zu stillen.
Berg und Bach, Hügel und Seen. Eine Idylle, die in so vielen Variationen die Bilder der Landschaftsmaler prägt. Eine Idylle, die Dichter von einem versöhnlichen Arkadien träumen lässt. Eine Idylle, die jedoch trügerisch sein kann, denn sie kennt auch ein zorniges Gesicht. Manchmal, nach tagelangen Regengüssen, lässt der sonst so pittoresk und harmlos fließende Bach seine schlammig aufgedunsenen Muskeln spielen und ist zerstörungsbereit. Dann schwemmt er mit seinen hundert Geschwistern Unmassen an Sand, Sediment und Schlamm in die Ebenen, in die ausgebreiteten Arme von Flüssen, Strömen, großen Seen. Und schnell wird aus einem Naturereignis eine Naturkatastrophe.
Nicht unschuldig daran ist der Regisseur Mensch, der dazu neigt, seine Rolle zu überschätzen. Der überall dirigiert, reguliert, begradigt und der das Fließen naturwidrig zu begrenzen trachtet. Eine der klassischen Parabeln auf die Widersprüche des menschlichen Umgangs mit dem Wasser hat der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis geschrieben, der weltweit als Schöpfer von "Alexis Sorbas" bekannt ist. Sein beinahe vergessenes Meisterwerk "Buddha. Der blaue Fluß" stellt den erfundenen Bau eines Staudamms an Chinas magischem Fluss Jangtse in den Mittelpunkt eines dramatischen Werkes voller Naturtrunkenheit, Spiritualität und Weisheit. Obwohl Kazantzakis Theaterstück bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entstand, ist es überraschend und erschreckend aktuell.
Der Jangtse, auch Yangtsekiang genannt, ist der längste Fluss Asiens und gehört mit Nil und Amazonas zu den drei mächtigsten Strömen der Erde. In seinem über 6300 km langen Verlauf durch China trägt er viele verschiedene Namen. Im weiten Quellgebiet in den Hochgebirgen Tibets heißt er "Yak-Kuh-Fluss", und weil er den goldenen Sand Tibets in die Ebenen spült, nennt man ihn flussabwärts "Goldsandfluss". Die Menschen begegnen ihm ehrfurchtsvoll und sprechen vom "Fluss der den Himmel durchquert". Oder man bezeichnet ihn schlicht als "Langer Fluss". Im Theaterstück von Kazantzakis will man einen gewaltigen Damm bauen, "um den Jangtsefluß, unseren allmächtigen Blauen Gott in sein Bett zu fesseln". Aber die Lebensader Chinas, die dem Land seit jeher Reichtum und Anmut beschert hat, lässt sich nicht in Ketten aus Stahlbeton legen.
Der schlängelnde Riese hat in der langen Tradition des Kulturvolks geduldig und ergiebig die größten Reispflanzungen der Erde genährt, hat die Baumwollfelder bewässert, hat schmackhaften Fisch in Fülle geboten. Er trug die Dschunken und Barken, trug Waren und Kultur in alle Landesteile. Aber bändigen, befehlen, beschämen ließ sich der Blaue Fluss nicht, er mutierte zum brüllenden Rachegott. Erst "färbten sich die Wasser grünlich, rot und schwarz, rissen die Platanen um, schäumten wild und kicherten". Das gurgelnde Gekicher schwoll zum ohrenbetäubenden Gelächter an, als der Jangtse alle seine Dämme sprengte und sich erbarmungslos über die Ebenen ergoss, Menschen und ihr Hab und Gut, ganze Dörfer und Städte, Hütten und Paläste vernichtete.
Die Schlussworte in der Parabel haben ein Magier und der Landesherr. Der Magier fragt: "Hast du nun begriffen, Herr, wer der Jangste ist?" Und während das Wasser donnernd gegen die Tür schlägt, antwortet der Landesherr: "Ja, der Buddha!" Er verschränkt die Arme, verneigt sich vor den einbrechenden Fluten, sagt: "Sei willkommen!" Dann fällt der Vorhang.
(…)
Der Fluss in seiner ewigen Wiederkehr hat alle Landschaften gesehen. Fließt Eisschollen treibend durch die kalten Wildnisse des Nordens und bahnt sich seinen Weg zwischen Dünen heißer Wüsten. Er durchquert Pampa und Prärie, Savanne und Steppe. Er schlängelt sich durch die dunklen Nadelwälder, grüßt das lichte Frühlingserwachen der Laubwälder, durchströmt die schwülen Urwälder, die grünen Lungen der Erde. Er sah bereits zu, als im Zweistromland die ersten Schriftzeichen in Tontafeln geritzt wurden. Er war schon Zeuge des Baus der Pyramiden im Tal der Pharaonen. Er hat über den ausgedehnten Sumpfgebieten der Everglades die Feuer strahlenden Weltraumraketen gesehen, die sich aufmachten, bizarre Landschaften auf anderen Himmelskörpern zu erforschen. Er hat Hochkulturen aber auch abgrundtiefe Barbarei an seinen Ufern erlebt, von Anbeginn der Zivilisation an, bis in die jüngste Zeit.
Das feine Antlitz der Nofretete hat der Fluss gesehen, als sie sich im Wasser des Nil bewunderte. Er sah den Fährmann Siddhartha, den späteren Buddha, versunken am Ufer des Ganges meditieren. Auch den Sohn des Zimmermanns sah er, den Messias, als er in den Fluten des Jordan getauft wurde. Und er hörte die Klagelieder der Sklaven in den Baumwollplantagen am Mississippi, hörte die Schreie elend krepierender Soldaten in den Schneewehen an der Wolga. Seine Strudel färbten sich manches Mal rostrot und schwarz, wenn seine Strömung Berge von Opfern stumm vor sich her trieb, immer wieder Tausende und Tausende tote Augen der grauenhaften Massaker, der
sinnlosen Genozide. Das Hohnlachen der Schlächter an seinen Ufern verlor sich erst allmählich im wabernden Dunst der Stromschnellen. Und beladen von Geschichten und Geschichte trieb der Fluss, in die Arme erlösender Weltmeere.
(…)
Die vielleicht eindrucksvollste und zugleich magischste Form einer in die Landschaft eingeschriebenen kulturellen Erinnerung sind die sogenannten Traumpfade, die weite Gebiete Australiens durchziehen. Sie sind vor Urzeiten von den Aborigines "angelegt" worden, aber es handelt sich nicht um befestigte Wege. Von einzelnen Markierungspunkten, wie Felsmalereien und Kultstätten abgesehen, sind Traumpfade im Gelände unsichtbar, sind Teil jener Traumreise, die zugleich durch irdische und spirituelle Landschaften führt.
Dennoch boten und bieten sie den Ureinwohnern des Kontinents ganz konkrete Orientierung und ermöglichen es ihnen, sich im Busch und Wald, von Wasserloch zu Wasserloch in der Wüste, in der endlosen Landschaft zurechtzufinden. Die Gesänge, die Tänze, die kultischen Handlungen aus uralter Überlieferung leiten und begleiten die Aborigines gleichzeitig auf Fußwanderungen wie auf magischen Reisen. Mit einer nahezu schlafwandlerischen Sicherheit bewältigen sie auf tagelangen Traumreisen auch tatsächlich große geografische Entfernungen und werden dabei von ihren Liedern, von den darin mystisch verewigten Wegweisern und Intuitionen geleitet. Vielleicht das eindrucksvollste Beispiel einer Verschmelzung zwischen Kultur und Natur, das allerdings einmal mehr im Konflikt mit modernen Gebrauchsweisen der Landschaft gerät. Denn Australien schickt sich an, bei der Ausbeutung gewaltiger Erdgasvorkommen etliche Kultstätten und Traumpfade seiner Ureinwohner zu zerstören. Ob dabei wirklich nur alte Märchen dem Energiehunger der Moderne weichen müssen?
Die Aborigines jedenfalls sind davon überzeugt, dass die Zerstörung der Traumpfade die Traumreise endgültig und unwiederbringlich unterbricht. Dann, so erzählen es die Mythen der Aborigines, wird auch die schützende Verbindung mit dem Kosmos unterbunden. Und durch diese klaffende Wunde zwischen Himmel und Erde würde unbarmherzig das Unheil über die Welt herein kriechen.

Ein besonderes Buch, sehr groß, sehr schwer

und nicht "billig": Ein Fotobuch der Extraklasse!
und nicht "billig": Ein Fotobuch der Extraklasse!

Dieses "Megabuch" ist etwas ganz Außergewöhnliches, Einmaliges ist und nicht zuletzt für Liebhaber des hervorragenden Fotografen Helmut Hirler gemacht.

Great Landscapes, Helmut Hirler

Helmut Hirler arbeitet mit einer 6 x 17 cm Panoramakamera auf speziellem Infrarot-Filmmaterial. Hirlers einmalige Landschaftsaufnahmen von allen Kontinenten der Erde beeindrucken durch ihre dramatischen Schwarz-Weiß-Kompositionen, deren Wirkung durch die spezielle Drucktechnik im Duoton-Verfahren verstärkt wird.

Format 70 x 36 cm
Hochwertiger Leinenband mit Schutzumschlag

168 Seiten mit 65 ganzseitigen Panorama-Photographien in Duoton

Mit einem Essay von Imre Török in Deutsch und Englisch

Gestaltet von Edition Panorama und Marcus Bela Schmitt

ISBN 978-3-89823-397-2

348.00 EUR zzgl. Versand

Größenvergleich
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  • Great Landscapes

    Helmut Hirler arbeitet mit einer 6 x 17 cm Panoramakamera auf speziellem Infrarot-Filmmaterial. Hirlers einmalige Landschaftsaufnahmen von allen Kontinenten der Erde beeindrucken durch ihre dramatischen Schwarz-Weiß-Kompositionen, deren Wirkung durch die spezielle Drucktechnik im Duoton-Verfahren verstärkt wird. Format 70 x 36 cm Hochwertiger Leinenband mit Schutzumschlag 168 Seiten mit 65 ganzseitigen Panorama-Photographien in Duoton Mit einem Essay von Imre Török in Deutsch und Englisch Gestaltet von Edition Panorama und Marcus Bela Schmitt ISBN 978-3-89823-397-2

    348,00 EUR (incl. MwSt zzgl. Versandkosten)

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